Was lange währt . . .

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Schon als kleiner Junge träumte ich immer von Segelschiffen und es gab kaum einen Piratenfilm, den ich nicht gesehen hatte. Mit 8 Jahren baute ich zusammen mit meinem Opa ein GFK-Ruderboot in eine kleine Segeljolle um und musste bereits die ersten negativen Erfahrungen mit Lateralplan und Segeleigenschaften machen: Erst bei 6 Windstärken und Sturmwarnung war diese Jolle einigermaßen vernünftig zu segeln und es kostete mich viel Bücherwälzen und Studieren bis unsere Baukünste schließlich doch in recht passablen Segeleigenschaften fruchteten. Im Alter von 15 Jahren stand ich dann zum ersten Mal an einer Kaimauer in Calvi (Korsika) und bewunderte die dort vertäuten schönen Holz-Segeljachten. Ich verbrachte Stunden damit, auf einem Poller zu sitzen und hoffte inständig, dass mich der Kapitän eines dieser Schiffe mit auf die Reise nehmen würde.

Als mich mein Vater jeden Abend dort aus meinen Träumen riss, äußerte ich immer den Wunsch, später einmal ein solch schönes Holzschiff besitzen zu wollen, was bei Ihm nicht gerade auf viel Verständnis stieß. Ich war damals schon phasziniert von der Eleganz und Würde klassischer Jachten und ich hielt mein Leben lang an meiner fixen Idee fest, obwohl ich räumlich und finanziell weit davon entfernt war, eine solche Jacht besitzen zu können. Mir blieb Jahrzehnte lang nichts

anderes übrig, als neidisch jeden Hafen nach Holzmasten zu durchkämmen, alle anderen Jachten interessierten mich nicht.

Eines Tages, Jahrzehnte später, stöberte ich nach gebrauchten Segel-Zubehörteilen in den bekannten Internetbörsen und stieß dort zufällig auf das Angebot einer gebrauchten Segeljacht aus Mahagoni. Der Preis war unglaublich günstig, so günstig, dass ich Zweifel hatte, ob da nicht irgendwas faul war. Es musste alles sehr schnell gehen, da der Zuschlag bereits wenige Stunden später erfolgen musste, Zeit zum Begutachten der Jacht hatte ich keine mehr, da sie 1000 km weit entfernt in Stralsund lag.

Schnell wurden einige Faxe zwischen dem damaligen Eigner und mir noch vor dem Zuschlag ausgetauscht, in welchen ich mir den Zustand der Jacht und ein 1-wöchiges Rücktrittsrecht nach Besichtigung im Falle des Zuschlages schriftlich bestätigen ließ. Fieberhaft saß ich vor dem Computer und war mir der Tatsache bewusst, dass noch Sekunden vor Auktionsende die Preise in für mich unerschwingliche Höhen steigen könnten. Erst 10 Sekunden vor Auktionsende gab ich mein erstes und einziges Gebot ab . . . und bekam den Zuschlag.

Ich saß noch Minuten nach Auktionsende wie gebannt vor dem Monitor und betrachtete immer wieder die Bestätigung des Zuschlages. Ich hatte wirklich in einer Internet-Auktion einen dänischen Seekreuzer mit dem Namen „Poseidon“ ersteigert.

Mit dem Gefühl im Bauch, wahrscheinlich einem Betrüger aufgesessen zu sein fuhr ich gleich am nächsten Tag nach Stralsund, um mein!!! Schiff zu begutachten. Ich traute wirklich meinen Augen nicht, als ich sie dort auf einem Bock aufgepallt stehen sah: Sie war unglaublich schön und übertraf meine Erwartungen bei weitem. Ich war wie gebannt von Ihrer Eleganz und stand lange, lange Zeit einfach nur da, den Tränen nahe. Sollte etwa mein Jungendtraum Wirklichkeit geworden sein? Der damalige Eigner erkannte mein gebanntes Gesicht: „Gefällt Sie Ihnen nicht? Sie können jederzeit vom Kauf zurücktreten, das habe ich Ihnen ja versprochen!“. Mit einem Klos im Hals murmelte ich verlegen: „Nein, nein, ich bin begeistert. Sie glauben gar nicht, was Sie mir hiermit für eine Freude machen!“ Schnell wandte ich mich ab, um meine Freudentränen zu verbergen.

 

Es dauerte noch 3 unglaublich lange Wochen, bis die Poseidon eingekrant werden konnte und ich genügend Zeit hatte sie das erste Mal segeln zu können.

Wie ein kleines Kind 3 Wochen vor Weihnachten zählte ich jeden Tag herbei, der mich ihr näher brachte. Dann war es endlich so weit. Aus einer geplant kurzen Überführungsfahrt in den 1 Seemeile entfernten Hafen wurde ein „kleiner Abstecher“ auf den Stralsunder Bodden, dem wir uns vollkommen euphorisch, aber unvorbereitet anvertrauten - mit dem Endergebnis, dass uns die Seenotrettung nach einer Strandung von einer Sandbank ziehen musste. Die Poseidon überstand den Rempler glücklicherweise vollkommen unbeschadet, uns hat es aber einen ordentlichen Respekt eingeflöst und uns an die seemännischen Aufgaben und Pflichten erinnert.

Wir erlebten mit der Poseidon zwei wundervolle Segel-Sommer in der Ostsee. Bis wir im Herbst 2003 in einen heftigen Wind mit 4-5m hohen Wellen gerieten und ich feststellen musste, dass die Poseidon bei entsprechendem Seegang sehr viel Wasser im Kielbereich machte.

Die automatische Bilgenpumpe lief ständig und wurde den Rinnsalen kaum noch Herr, die aus den Bordwänden und dem Kiel hervortraten. Deshalb entschloss ich mich, der Sache im Winter 2003/2004 auf den Grund zu gehen.

Ich rätselte lange, wen ich mit der Untersuchung und anschließenden Renovierung beauftragen sollte. Die Angebote der Werften lagen zwischen „Koi Problem, wenn ma’s ka“ (Eigentlich kein Problem, aber man kann nie sagen, was einen da erwartet) über „guck‘ ma‘ mol, dann seh’n ma scho‘ “(erst mal aufmachen, dann werden wir besser kalkulieren können) bis „Willsch’t d’r des werkli a’dua, B‘stell halt glei a nuie“ (am besten gleich mit den Kosten für einen Neubau kalkulieren, dann liegt man nie zu niedrig). Ich entschied mich für ein mittleres „Angebot“, zumal dieses von der Werft kam, die schon durch die fachmännische Beratung während der vergangenen zwei Jahre mir immer kompetent, zuverlässig und kostengünstig zur Seite gestanden hatte.

So wurden im Herbst 2003 an der Poseidon die ersten Planken im Kielbereich entfernt. Ich erkannte während des Telefonats am Tonfall des Bootbauers schon,

dass er wohl selbst überrascht über den Zustand der Poseidon war, als er mich bat, am Besten mal vorbei zu kommen, um die Details be“gut“achten zu können.

Ich fand einen großen „Blumenkasten mit feinstem Humus“ vor, der wohl irgendwann mal ein Kiel gewesen war. „Geradezu ein Wunder, dass die 2,5 to Ballast noch nicht am Grund der Ostsee liegen“, bemerkte der Werftbesitzer.

Nun galt es zu entscheiden: Die Minimalst-Lösung: Neuer Kielbalken, angestückelter Achter- und Vorsteven, ausgebessertes Heck, die ersten 2 Plankenreihen oberhalb des Kiels neu. Oder eine komplette Grundrenovierung: Kielbalken, Hecksteven, Heckbalken und Heck neu, Vorsteven bis zur Hälfte ersetzen und einschäften, alle Planken bis zur Wasserlinie neu, alle gebrochenen Spanten ersetzen. Dies entspräche etwa einer Wirbelsäulen- und Rippentransplantation beim Menschen, Risiken und Nebenwirkungen eingeschlossen. Obwohl ich keine Kinder habe, denen ich die Poseidon mal vererben könnte, entschloss ich mich für die „Lösung, die Sie überleben wird“, wie der Bootsbauer meinte. „Sofern ich die Abzahlung des Kredites noch erleben darf“, ergänzte ich.

Schon aus Interesse am Bootsbau im allgemeinen – ich hatte schließlich mal eine Lehre als Schreiner absolviert, aber auch aus Liebe zur Poseidon im speziellen wollte ich einige Arbeiten im Cockpit, Decks- und Innenbereich selbst durchführen. Den kritischen Unterwasserbereich überließ ich getrost den Fachleuten, da traute ich mich nicht ran.

Wenn man erkennt, mit welcher fachlichen Fertigkeit und welchem Geschick die Arbeiten erledigt wurden, fühlt man sich in seinem Entschluss bestätigt, Fachleuten solch umfangreiche Renovierungen zu überlassen. Gleichzeitig reifte in mir der Wunsch, in meinem nächsten Leben Bootsbauer zu werden.

Die Wahl des Holzes fiel aus Umweltschutz- und technischen Gründen auf Eiche im Unterwasserbereich, nur die Planken im sichtbaren Überwasserbereich und das Heck sollten aus Mahagoni sein, wie die ursprünglichen Planken. Der Kiel, die Steven, Heckbalken und Spanten waren auch im Original bereits aus Eiche. Und die Spanten sollten aus Stabilitätsgründen stärker ausgeführt werden, als die vielfach gebrochenen Original-Spanten.

Dies sollten die einzigen Kompromisse sein, die ich eingehen wollte, ansonsten sollte der Original-Zustand wiederhergestellt werden. Schritt für Schritt wurden durch gezieltes Entfernen von alten und Einsetzen von neuen 1-Zoll-starken Planken der Kielbalken, Steven und Heckbalken freigelegt und ersetzt. Oft stand ich vor der Poseidon und zweifelte ernsthaft daran, ob sie denn je wieder schwimmen wird.

Im Angesicht des ausgebeinten Schiffes fühlt man sich an das „Ausgeliefertsein“ auf dem OP-Tisch und das zwangsläufige Vertrauen in die Kompetenz von Fachkräften erinnert. Nur nach und nach kehrte ein „wird schon werden“ zurück, gefolgt von tiefem Respekt, sobald sich die Lücken wieder schlossen.

Als die Poseidon dann nach fast 2 Jahren Renovierung, aus dem dusteren Schuppen gezogen, stolz wie ein Pfau Ihren Bug in den blauen Himmel reckte, hielt mich nichts mehr zurück und ich taufte Sie mit meinen Freudentränen. Die Mühen hatten sich wirklich gelohnt: Fast 2000 Arbeitsstunden der Werft und nochmals 1000 Stunden von meiner Frau und mir zeigten sich in voller Pracht und Schönheit.

Langsam am Kran zu Wasser gelassen sprang ich erwartungsvoll und gespannt an Bord, um sofort in der Bilge nach eindringendem Wasser zu forschen – so wie jedes Jahr zuvor -, bereit um sofort die Bilgenpumpe in Gang zu setzen. Der Bootsbauer stemmte dabei die Hände in die Hüften und meinte: „Die macht genau soviel Wasser, wie ein Kamel nach 4 Wochen Wüstendurchquerung: Keinen Tropfen!“

Er hatte Recht behalten: Die Poseidon ist bis zum heutigen Tag das einzige echte Holzschiff (ohne Epoxi- oder GFK-„Leichenkleid“), das ich kenne, welches im Frühjahr nach der Überwinterung wirklich keinen Tropfen Wasser macht, zumindest nicht bis zum ersten starken Wind. Wenn sich dann doch am ersten Tag bei der ersten Lage hart am Wind einige Tropfen innen im „Überwasserbereich“ zeigen, an Stellen, an denen sie noch in originaler Art kalfatert ist, werde ich daran erinnert, dass ich schließlich ein über 65 Jahre altes Holzschiff segle, welches erst mal „dicht gesegelt“ werden muss.

 

Tragisch bleibt zu erwähnen, dass die Werft, der diese phantastische Renovierung zum größten Teil zur Ehre gereicht kurz nach Verlassen der Poseidon aus dem Werftgelände einer Brandstiftung zum Opfer fiel. Die Werft kämpft nun ums Überleben und es ist wirklich beschämend, dass es Menschen gibt, die aus purer Zerstörungswut oder niederen Beweggründen anderen Schaden zufügen.

Ich kann nur hoffen, dass diese Menschen beim Anblick solcher Kunstwerke wie einem traditionellen Seekreuzer, geschaffen von höchster handwerklicher Fähigkeit vor Ehrfurcht erstarren und von ihren abscheulichen Taten ablassen.

Ich jedenfalls wünsche der Werft einen Neubeginn buchstäblich wie „Phönix aus der Asche“.


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