Restaurierung - "Ausgangssituation"

(1) - Der Traum vom eigenen Schiff

Was denkt man, wenn man sein Leben lang von wunderschönen Segeljachten mit Mahagonirumpf träumt und irgendwann ein überaus günstiges Angebot in einer bekannten Internet-Börse eben von genau so einer Jacht liest: „Das kann doch nicht sein, da ist sicher was faul!“. Man versichert sich, dass auch alles in Ordnung ist. Der ehemalige Besitzer ist unglaublich freundlich und macht auch noch Zugeständnisse bei der Bezahlung. „Wer da nicht zuschlägt ist selbst schuld.“

(2) - Die Schäden waren nicht erkennbar

Ich möchte es gleich vorweg betonen: Ich habe den Kauf niemals auch nur eine Sekunde bereut!

Das Angebot war damals absolut fair, selbst wenn man annehmen sollte, dass der damalige Verkäufer von den versteckten Schäden gewusst hat, was ich ehrlich gesagt bezweifle, denn nicht mal ein gelernter Bootsbauer konnte die Schäden so ohne weiteres erkennen, ohne das Schiff zu zerlegen. Und ich habe damals zur Begutachtung des Renovierungsumfanges mehrere Bootsbauer gefragt. Da soll sich mal kein „Schlauberger“ ausnehmen. Sie wären wahrscheinlich alle darauf hereingefallen.

Aber klug genug waren sie alle: Keiner wollte mir ein fixes Angebot machen, außer einem einzigen, der im Preis so niedrig war, dass ich sofort zweifelte, ob er überhaupt in der Lage wäre, das Schiff ordentlich aufzupallen, bevor er auch nur eine Planke entfernt gehabt hätte.

(3) - Der erste Eindruck

Doch nun von Anfang an der Reihe nach: Die Poseidon machte im ersten Sommer nach dem Kauf selbst bei mittleren Windstärken um 6-7 einen unwahrscheinlich soliden Eindruck. Das übliche „Wasser machen“ von Holzschiffen sei ja angeblich normal und an den etwas muffigen Geruch unter Deck hatte man sich schnell gewöhnt. Das erste Mal stutzig bin ich geworden, als ich nach der ersten Winterruhe im Frühjahr 2003 im Zuge der Erneuerung des Unterwasseranstriches die gesamte Spachtel im Kielbereich entfernte. Da taten sich ganze Höhlen auf, das „Holz“ (es war eher Holzkohle und Humus) ließ sich teilweise mit dem Finger abpuhlen. Als erste Maßnahme tränkten wir alles gründlich mit einem Holzschutzmittel und brachten ordentlich Primer und mehrmals den Unterwasseranstrich auf, ohne jedoch die schadhaften Stellen auszubessern.

(4) - Erste Anzeichen des Schadens

Im Sommer 2003 kamen wir dann in der Ostsee in einen recht heftigen Wind mit Böen bis zu 8 Windstärken und teilweise bis zu 4m hohen Kreuzseen. Dabei bemerkte ich, dass wir so viel Wasser machten, dass die automatische Bilgenpumpe fast nicht mehr mitkam.

Eine genauere Untersuchung ergab, dass das Wasser vornehmlich im Bereich zwischen Holzkiel und der ersten Planke eintrat, vor allem in Momenten, sobald wir von größeren Wellen seitliche Schläge bekamen oder wir unter großer Schräglage segelten. Irgendwie schien der Kiel nicht mehr eine stabile Verbindung zum restlichen Schiff zu haben.

(5) - Die ersten Angebote zur Renovierung

Mir war klar, dass dieses Schiff im kommenden Herbst 2003 von einem Fachmann gründlich untersucht werden musste. Ich begann bereits meine ersten Sondierungsgespräche im Sommer und besuchte verschiedene Bootsbauer in Deutschland. Von „Alles kein Problem“, über „Mal schaun, dann sehn’g ma’ scho’“ bis „Da lass ich meine Finger weg“ hatte ich dann alle möglichen und unmöglichen Antworten gesammelt. Aber sagen, was das denn alles kostet, konnte keiner. Von „um die 10.000“ bis „unter 60.000 nicht“ gab es alle Antworten. Ich kann jedem nur eines raten: Rechnen sie im Kopf mit dem höchsten Angebot und schlagen nochmals 50% drauf. Sagen sie dann niemandem diese gemerkte Zahl (schon gar nicht Ihrer Frau) und gehen dann zu dem fachlich versiertesten und erfahrensten Bootsbauer Ihrer Wal.

(6) - Welcher Bootsbauer ist der richtige?

Weder muss der teuerste Bootsbauer der beste noch der billigste der schlechteste sein. Orientieren Sie sich vor allem an Referenzobjekten und sprechen sie mit Leuten, die den Bootsbauer schon länger kennen. Lassen Sie sich nicht von Hochglanzprospekten und modernsten Maschinen blenden. Es gibt Menschen auf dieser Welt, die für ein solches Schiff so viel Geld ausgeben, wie sie in Ihrem Leben nicht verdienen. Klar dass solche Schiffe dann stolz als Referenzobjekte den Bootsbauern dienen. Nur kann die kein normaler Mensch bezahlen und dies ist keine Schande! Fürchten sie sich auch nicht vor einem Betrieb, der aussieht, als seien sie in einem Museum. Denken Sie immer daran: Ihr Traditionsschiff wurde genau mit solchen Maschinen gebaut. Ob eine Planke mit einer 100.000 EUR teuren, modernen Formatkreissäge gestreift wurde oder mit einer bandgetriebenen, 50 Jahre alten Säge sehen sie ihr später nicht mehr an, denn die endgültige Form der Planke ist eh reine Handarbeit. Und da kommt es ausschließlich auf das Geschick der Handwerker an, ob er vom ersten Streifen der Planke bis zum endgültigen Passsitz 3 Mal oder 15 Mal zur Werkbank läuft. Und jede teure Maschine und jeder zusätzliche Schritt treibt Ihre Kosten in die Höhe. Ich will hier nicht gegen moderne Betriebe wettern, in grauer Vorzeit waren schließlich auch mal alte Maschinen modern. Ich habe nur etwas gegen Betriebe, die Ihre überzogenen, meist durch Banken und teure Kredite finanzierten Maschinen den Kunden bezahlen lassen und dabei das unbedingt erforderlich handwerkliche Geschick in Vergessenheit gerät. Viel wichtiger sind die vielen kleinen aber feinen Handgeräte, viele Hobelformen, die sie wahrscheinlich noch nie gesehen haben (ein Schiffsbauer, der nicht mindestens einen Schiffhobel hat, ist für ein die Renovierung eines Traditionsschiffes nicht geeignet), eine ordentliche Anzahl Stemmeisen und massenhaft Zwingen, verschiedene Zapfenfräser, Forstnerbohrer, übliches Schreinerwerkzeug, Hobelbank etc. Wenn Sie auf den ersten Eindruck nicht genau wissen, ob dies eine Schreinerei, eine Zimmerei, eine Motoreninstandsetzung, oder ein Elektrobetrieb ist, durchaus in verschiedenen Räumlichkeiten untergebracht, dann sind Sie genau richtig.

(7) - Können Sie der Werkstatt trauen?

Und noch etwas wichtiges: Suchen Sie einen Handwerksbetrieb, dem sie vertrauen können. Dies ist in der heutigen Zeit ein sehr seltener Berufsethos geworden. Wer sie im kleinen bescheißt, tut dies auch im großen Stil. Wundern sie sich nicht, wenn sie bei umfangreichen Schleif arbeiten am Wochenende vom Bootbauer einen eigenen Stromzähler zugewiesen bekommen und er dann am Sonntag Abend 65 Cent für Stromkosten von Ihnen verlangt oder er sie bittet, das Licht auszuschalten, wenn sie die Halle verlassen. Denn genau so pingelig wird er auch bei der Stundenabrechung einer mehrere tausend Euro teuren Rechung mit Ihnen verfahren. Wer einen Schlendrian in seinem Handwerksbetrieb hat, hat auch Ihre Abrechnung nicht im Griff. Wenn sie dann irgendwann einmal einen goldenen Ehering von Ihrem Bootsbauer überreicht bekommen – wie es mir passiert ist – und er meint, diesen im Schiff als Talisman eingebaut!!! gefunden zu haben, dann wissen sie: Das Vertrauen ist unerschütterlich. Wie leicht wäre es für Ihn oder einen seiner Mitarbeiter gewesen, diesen Ring einfach verschwinden zu lassen, von dem eh außer einem der vielen Vorbesitzer niemand etwas gewusst hat.

(8) - Wie teuer wird die Renovierung dann wirklich?

Haben sie dann den Bootsbauer Ihrer Wahl gefunden, lassen sie sich ein Angebot machen. Ein ehrlicher Bootsbauer wird Ihnen zunächst nur den Stundensatz für Großprojekte nennen können und den ungefähren Zeitrahmen. Sie sollten sich nicht wundern, wenn er von Ihnen bereits ohne endgültiges Angebot eine feste Zusage verlangt, denn er muss ja schließlich die Hallenplätze für einen längeren Zeitraum kalkulieren. Ein ehrliches Angebot kann Ihnen bei solch umfangreichen Renovierungsmaßnahmen ein Bootsbauer nur geben, wenn er eigentlich schon mitten drin ist und das Schiff zumindest teilweise zerlegt hat. Und sind wir mal ehrlich: Wer sagt dann wenn er vor dem ausgebeinten, zerfletterten Schiff steht: „Nee, das ist mir zu teuer, bauen Sie wieder alles zusammen wie es war“? Auch ich hatte zu diesem Zeitpunkt ein etwas mulmiges Gefühl im Magen, ja fast ein Gefühl des blinden Ausgeliefertseins. Aber man bleibt natürlich dabei und vor allem: man bleibt bei diesem Bootbauer. Wenn er fair ist, bietet er Ihnen eine oder mehrere Alternativen an, so nach dem Motto: „Nur das nötigte, damit sie wieder sicher schwimmt“, über „Wenn sie die nächsten Jahre Frieden haben wollen, sollten wir das auch noch machen“ oder „Wenn wir schon dabei sind, könnten wir dies und das auch noch gleich machen“. Ich entschied mich für die Variante „Dieses Schiff wird Sie auf jeden Fall überleben!“ Zwar überstieg die endgültige Rechnung dann schließlich das ursprüngliche Angebot diese Bootsbauers durch zusätzlich von mir in Auftrag gegebene Tätigkeiten um fast das doppelte, wir blieben aber immer noch deutlich unter der vorhin erwähnten „gemerkten Zahl“!!!
 

(9) -  Tipp zu Schluss!

Und noch ein Tipp: Jammern sie bereits, wenn er die Hälfte Ihrer gemerkten Zahl an Kosten erreicht hat und fragen Sie in zu diesem Zeitpunkt, ob sie Ihm ihre eigenen Kinder vorbeischicken dürfen, denn bei Ihnen gibt es zu Hause nichts mehr zu essen, seit er das Schiff renoviert. Dann haben sie ehrliche Chance, dass sie mit der „gemerkten Zahl“ an Kosten hinkommen.

 

(IMG) - Beschreibung der Bilder 01- 20 (links):

01 Unteres Eisen verdeckt marodes Knie
02 Unter Spachtelmasse nur noch faules Holz
03 Zugekleisterter Kühlwasserzulauf
04 Vieles ist noch zugekleistert und der Schaden auf den ersten Blick
     nicht zu erkennen
05 bereits nach zaghaftem Kratzen zeigen sich die Schäden
06 nächste Stufe wäre wohl Humus
07 Noch gute Oberfläche des Vorstevens, aber gerissen
08 Maroder Kiel unter der Spachtelmasse
09 Versuch, geschwärzte Stellen zu bleichen
10 Faules Heck und Auspuff-Auslass
11 gerissene und faule Planke
12 Unterdimensionierte Propeller-Welle
13 Riss im Heckbalken
14 Ausgebauter Heckbalken
15 Hier war mal der marode alte Vorsteven
16 Ausgebauter alter Vorsteven
17 Das alte hintere Kielschwein
18 Morsches Heck entfernt
19 Poseidon fast komplett ohne Rückgrat
20 Dies blieb vom alten Kiel Übrig!

 

ENDE