"Jungfernfahrt" - oder - "Anfängerglück!"
(Erzählung über 4 Tage)

1. Tag (Jungfernfahrt)

Die Anreise von Freitag auf Samstag hatte gleich eine große Überraschung für uns parat: Die Poseidon war noch nicht fertig lackiert und es drohte uns beim Segeln der Hintern an den frisch gestrichenen Planken festzukleben. Nur ein beherzter und eindringlicher Anruf hinderte die Werft, den Pinsel nochmals in den Lacktopf zu stecken und uns damit den Urlaub zu "verkleben".

So kamen wir am Samstag morgen pünktlich zur Schiffsübernahme im Werftgelände in Stralsund an und waren erst mal positiv überrascht von unserer guten alten Dame: Die Poseidon erstrahlte so richtig rausgeputzt - ehrlich gesagt hätte Ihr noch mehr "Makeup" gar nicht gut gestanden. Nun war sie aber leider noch im Winterlager-Hafen gefangen und wir mussten bis 12:00 warten, bis die Brücken zum Sund geöffnet wurden. Herr Kraska, der bisherige Besitzer hatte auch noch viele gute Ratschläge für uns, ermahnte uns vor allem, erst mal in aller Ruhe die Poseidon zum Liegeplatz zu bringen. Dort, festgemacht am Steg könnten wir sie in aller Ruhe kennen lernen, bevor wir uns in die offene See wagen würden. Das klang sehr vernünftig und wir stimmten seinem gut gemeinten Rat zu.

Beim Ablegen vom Werftanlieger machte ich das erste Mal mit der Manövrierbarkeit der Poseidon Bekanntschaft: So ein Langkieler fährt achteraus den Weg den er selbst für richtig hält, ungeachtet dessen, was der Steuermann vor hat!! Ich lernte schnell: Vergiss achteraus einfach alles, was Du bisher gelernt hast!! Aber wir hatten ja viele Fender an Bord und unter der freundlichen Unterstützung von zwei "hervorragenden Kapitänen am Steg" bekamen wir die gute alte Dame dann doch noch richtig herum in den Kanal. Alle Manöver voraus ließen sich hingegen hervorragend fahren, die gute alte Poseidon läuft bereits mit 1000 Touren sehr wendig mit 4 Knoten durchs Wasser.

Als wir schließlich den Kanal verließen und über Backbord in die Nordmole an den Ihr zugedachten Liegeplatz einbiegen wollten, spürte ich eine unbändige innere Kraft der Poseidon nach Steuerbord, hinaus aufs Meer. Ich wollte Sie nicht Quälen und ließ Ihr freien Lauf - schließlich könnten wir Ihr ja nur mal kurz einen Abstecher dahin gönnen, wo Sie sich wohlfühlt. Außerdem wollte ich mal auf offenem Wasser den Motor testen: Der Verkäufer des Nanni-Diesels hatte gute Arbeit geleistet: Bereits mit 3/4 Gas schießt die Gute mit 7,5 Knoten durchs Wasser, als hätte man Ihr das Herz von Michael Groß eingebaut. Die Heckwelle ist das einzige, was sie in Zaum hält, wäre Ihr Hintern noch etwas länger, könnte man mit diesem Motor sicherlich Wasserski fahren. Mit Halbgas läuft Sie fast 6 Knoten, da staunt so manches Dickschiff, wenn wir mit diesem vermeindlich schwerfälligen Holzkahn an Ihm vorüberziehen und ich aus dem Augenwinkel den Griff des Kapitäns nach dem Gashebel erheische.

Aber nun wollten wir ja nicht Wasserskifahren, sondern das Segeln mit der Poseidon kennen lernen. Da nur eine leichte Briese herrschte, sprach nichts dagegen, die Segel bereits hier auf See zu hissen. Dabei lag zunächst die größte Schwierigkeit darin, das richtige Segel zu finden: 3 Vorsegel, 2 Großsegel und 2 Spinakker - die Segelkiste im Vorschiff der Poseidon hätte so mancher findiger, wirtschaftlich denkende Rotstift zu einer 2-Kojen-Kabine umfunktioniert. Das Vorsegel war schnell angeschlagen, beim Groß hatten wir da schon mehr Verständnis-Probleme: Roll-Baum mit 6m Länge, Latten-Groß, keinen Lümmelbeschlag, keine Vor-/Unterliek-Strecker, Großschot-Führung über 3 am Heck verteilte Blöcke, diverse Beschläge am Baum, von deren Funktion wir keine Ahnung hatten. Das einzige, was ich kannte: Baumnut, Vorliekschiene, Großfall, Dirk. Aber bevor wir das Groß setzen konnten stand eine Frage im Raum: Was tun bei vorlichen Winden. Die Backstagen auf 2/3 der Baulänge verhindern ein ausbaumen um mehr als 20° seitlich, das reicht nicht mal für Halbwind-Kurse! Da fielen uns die großen Hebel am Ende der beiden Backstage auf. Also müssen wir unser Komando-Repertoir künftig erweitern: Klar zur Wende, Klar, Re, Back(Steuer)bord-Achterstag dicht, Vorsegel über, Steuer(Back)bord-Achterstag fieren. Und entsprechend bei der Halse: Klar zum Halsen, Klar, Großschot dicht, Back(Steuer)bord-Achterstag dicht, Rund achtern, Vorsegel über, Großschot fieren, Steuer(Back)bord-Achterstag fieren. Nach ein paar Trockenübungen ohne Segel klappte das ganz gut, wobei die Mannschaft weniger Probleme mit der Ausführung, als ich selbst mit den Kommandos hatte. Zu oft entwischte mir ein: "Mach das Dings da los...Aufpassen, der Dings ist noch nicht fest..."

Also wagten wir den großen Schritt und hissten das Groß. Nun wollen 55qm auch erst mal ohne Winsch nach oben gebracht werden. Ich konnte förmlich das Lächeln der Poseidon vernehmen, als wir mit dicken Hälsen da standen, das Großfall in Händen und ziehend wie die Ochsen. Schließlich war der Lappen oben, wenn auch noch nicht so durchgesetzt, aber einer alten Lady stehen ja schließlich auch ein paar Falten gut zu Gesicht. Dann - ein kurzer Wink mit der Pinne - und sie legte sich vergnügt bei 2 Windstärken in die Hüften und schob eleganter durchs Wasser, als man es von so einem betagten Schiff jemals erwartet hätte. Sie war in ihrem Element, das spürte man. Wir bekamen alle das Grinsen nicht mehr aus unseren Gesichtern. Das war Segeln, wie ich es mir seit meiner frühen Kindheit erträumt hatte, als ich in Korsika das erste Mal am Hafen stand und beim Anblick der wunderschönen Holzjachten glasige Augen bekam. Mein Leben lang träumte ich davon, einmal auf einem solchen Klassiker mitsegeln zu dürfen. Und nun spürte ich diese sanfte Verbindung von Wind und Wasser in meinen Händen, spürte das weichen Durchschneiden der Wellen, welches nur ein Langkieler so sanft erleben lässt. Man spürt förmlich das Herz des Konstrukteurs schlagen, der dem Schiff förmlich Leben einhauchen konnte, sobald er nicht Belange des Komforts oder der Wirtschaftlichkeit in Erwägung ziehen mußte.

Wir vergaßen uns vollkommen im Überschwang, segelten kreuz und quer im Bodden umher, bis mein Bruder mich auf das wohlverdiente "Auslaufbierchen" aufmerksam machte. Ich erzählte der Mannschaft gerade von der Tradition, dem Meeresgott Poseidon, nach welchem unser Schiff benannt war, immer den ersten Schluck zu gönnen, kippte einen Schuss des kühlen Hopfensaftes über Bord, als ein sanftes Zucken durchs Schiff ging. Wir blickten uns erstaunt an: Was war das denn gerade eben gewesen? Noch bevor wir den Gedanken zu Ende führen konnten, bremste die Poseidon sanft ab, als hätte sich eben dieser Meeresgott ans Heck gehängt. Plötzlich stand die Poseidon unter 30° Lage still geneigt im Wasser und uns wurde klar: Wir waren auf eine Sandbank aufgelaufen. Wir wussten nicht, ob wir mehr über die Ironie der Zusammenhänge oder wegen meiner Dummheit lachen sollten, im Bodden zu segeln, ohne sich klar darüber zu sein, wo man sich gerade befindet. Dabei hatte ich zu Hause noch die Seekarten studiert und war mir vollkommen über die Gefahren im Klaren. Sogar das an Bord befindliche Echolot war ausgeschaltet gewesen. Ich bin mir inzwischen sicher, dass nur der wohlwollende Schluck an Poseidon Schlimmeres verhindert hat und mich auf eine äußerst sanfte Art und Weise auf meine Pflichten als Schiffsführer aufmerksam gemacht hat.

Nun standen wir da, und alle Versuche die Poseidon durch Motor und Neigen des Bootes wieder zum Schwimmen zu bewegen scheiterten kläglich. Also blieb uns nur, Hilfe anzufordern. Zum Glück waren wir auf Rufweite am Fahrwasser und die staunend vorüberziehenden Jachten wunderten sich über unsere Lage ohne Fahrt durchs Wasser. Ich konnte deren Gedanken förmlich hören: "So ein lahmer Kahn...legt sich flach und läuft nicht... Klassiker eben..." Einer dachte dann doch mit und erkannte die Situation: "Habt Ihr Funk an Bord?" "Nein" "OK, ich verständige die Küstenwache". Keine 10 Minuten später war sie da, nur hatten wir offensichtlich die "Stecknadel im Heuhaufen" gefunden und waren rings umzingelt von Sandbänken, so dass die Küstenwache nicht an uns heran kam. Durch Handzeichen meinerseits und Megafon ihrerseits verständigten wir uns, die Seenotrettung aus Stralsund zu holen, die einen Mini-Kreuzer mit wenig Tiefgang hatte. 20 Minuten später war der kleine Kreuzer da und weitere 5 Minuten später war die Poseidon wieder frei. Das waren echte Profis! Wir spaßten ein bisschen mit den netten Helfern und ließen uns noch den Weg aus den Untiefen zeigen. Sie warteten freundlicherweise, bis wir wieder sicheres Fahrwasser erreicht hatten. Unter Motor, mit eingeschaltetem Echolot und Ausguck im Bugkorb wagten wir so klein, wie eine Klampe ohne Belegung die Heimreise. Jeder erinnerte sich dabei an die Worte von Herrn Kraska: "Geht erst mal alles ganz ruhig an!" Seit damals bin ich förderndes Mitglied in der „Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger“

2. Tag (Jungfernfahrt)

Nachdem wir am letzten Abend bereits mit der Reinigung des Schiffes begonnen hatten - wir fingen bei den Weinflaschen an, die auf jeden Fall erst mal geleert werden mussten - waren wir entsprechend müde in die Betten gefallen. Diejenigen, die auf dem Schiff schlafen wollten, mussten hierzu in Anbetracht der engen Kojen erst noch einige Turnübungen absolvieren und erkannten erst am nächsten Morgen, welche blauen Flecken Sie sich dabei eingehandelt hatten. Außerdem konnten mein Bruder und ich kaum die Frühstückstassen halten, da wir vom Segelhissen einen Muskelkater in den Händen hatten.

In Anbetracht der angeschlagenen Mannschaft und des schlechteren Wetters mit Nieselregen und wenig Wind beschlossen wir, uns in dem gestrigen Ratschlag von Herrn Kraska zu widmen und der alten Dame mal etwas unter die Röcke zu sehen, denn den Schlafenden war trotz des Alkoholgenusses der muffige Geruch nachts in die Nasen gestiegen, dem wir nun mit Febraise und Essigreiniger zu Leibe rückten. Jedem Schapp, jeder Backskiste, die wir öffneten entstieg ein Duft, als wäre Sie seit dem 2. Weltkrieg nicht mehr geöffnet worden. Die Tampen und Taue waren klamm und so mancher "Strick" zerfiel in den Händen und war nur noch für den Abfall zu gebrauchen. Wir wunderten uns, wie man wohl mit solchen Tauen ein Boot bedienen wollte. Jedenfalls vollbrachten die Reinigungsmittel und das Entfernen der größten Muffler wahre Wunder und bald roch es aus den entferntesten Winkeln der Poseidon fast wie aus einem "Yogourtbecher", wenn ich mal ein modernes Schiff so nennen darf. Wir sollten Tage später erkennen, dass die eigentlichen Taue, Tampen, Leinen und Bändsel, die zum Segeln der Poseidon notwendig waren, sich gut versteckt und in einem tadellosen Zustand an Bord befanden....

Nachdem auch noch die Wände und Schränke mit Teaköl eingerieben worden waren, erstrahlte die Poseidon nun auch innen in einem Glanz, dass sie uns fast zu schade erschien, um mit Ihr zu segeln. Es machte auf uns den Eindruck, als säßen wir in einem kleinen Schiffs-Museum. Wir merkten bald, dass der mitgebrachte Petroleum-Ofen selbst bei der kalten Außentemperatur von 5°C absolut nicht notwendig war, da die dicken Eichenwände - die 7,5 Tonnen des Schiffes müssen sich ja irgendwo bemerkbar machen - eine hervorragende Isolierung brachten und wir nach wenigen Minuten durch die 60 Watt Heizleistung je Person (Ich dürfte da wohl wieder mal über dem Durchschnitt liegen) genügend Wärme im Salon verspürten Die zusätzliche Tür, die den Niedergang vom Salon abtrennt, erwies sich als durchaus sinnvoll. Unser erster Gedanke war, als wir die Poseidon damals im Winterlager besichtigten, diese Verbindungstür zu entfernen, um optisch einen größeren Raum zu erhalten. Nun erkannten wir aber den Sinn und Zweck dieser Tür und waren froh, dass der Konstrukteur sich dabei sehr wohl etwas gedacht hatte.

Nach getaner Arbeit und einem kurzen Mittagsnickerchen beschlossen wir den restlichen Tag an Land zu verbringen und das von vielen empfohlene Meeresmuseum zu besuchen. Dazu wollten wir die wunderschöne Altstadt von Stralsund zu Fuß auf dem flächendeckenden, weniger schönen, ja eher abenteuerlichen Kopfsteinpflaster durchqueren, welches uns schon bei der Anreise mit dem Wohnmobil die Tassen aus den Schränken in den Schoß warf. Man stelle sich einfach eine Alpenüberquerung im Liliput-Format vor - so kann man erahnen, welche Höhenmeter wir bis zum Museum überwanden, welches auf gleicher Meereshöhe lag, wie der Hafen. Jeder Schritt ist verbunden mit hochkonzentrierter Gleichgewichtsarbeit und wenn man mal im Gehen einen kurzen Blick zu einem der vielen wunderschönen Giebeldächer der Altstadt wagt, findet man sich postwendend anschließend das Pflaster aus einer Entfernung von 20 cm betrachtend wieder. Gewöhnt man sich jedoch an, die wirklich betrachtenswerten Häuser im Stehen, besser noch an irgend eine Mauer gelehnt zu betrachten, kommt man aus dem Staunen nicht mehr raus und erkennt den Irrsinn, der "im Westen" mit dem Modernisierungswahn in den 70er und 80er Jahren betrieben wurde, indem bei uns leider zu vieles "kaputtrestauriert" wurde. Alleine das Rathaus und die vielen schönen Kirchen sind schon eine Reise nach Stralsund wert.

Das Meeresaquarium ist in einer ehemaligen Kirche untergebracht, die nach der Vertreibung der Mönche während und kurz nach dem Krieg in einen Warenspeicher und zeitweise in eine Art altertümliche Einkaufshalle umfunktioniert war. Schließlich entschloss man sich noch während der DDR daraus ein Meeresmuseum zu machen. Ich muss sagen, dass ich schon viele Aquarien in Europa gesehen habe, aber diese dort ausgestellten Becken stellen das Perfekteste dar, was ich je zu Gesicht bekommen habe. Allein die lebenden!!!! Korrallenstöcke von ca. 1m Durchmesser, die vielen niederen Tiere, Gräser und Farne sind ein wirkliches Wunderwerk und zeugen von einer Kenntnis der Zusammenhänge von Unterwasser-Flora und -Fauna und dem fundierten Wissen um die äußerst komplexe Wasseraufbereitung, die ich an einem solchen Ort niemals erwartet hätte. Stralsund ist sich offensichtlich seiner Kenntnisse und dem diesbezüglichen Status bewusst und will in den nächsten Jahren für 50 Mio. EUR ein Oceanium aufbauen. Wenn sie dies genauso perfekt realisieren können, wie dieses Museum, werden Sie wohl an der Spitze der weltbesten Aquarien mitmischen. Sehr informativ war auch die Ausstellung über die Entstehung der Ostsee und die Geschichte des Fischfanges bzw. der Meeresfischerei vom ersten in der Ostsee gefundenen Einbaum bis zu den Modellen der modernsten Fischfabrikschiffe.

Abends fuhren wir mit der Reinigung der Weinflaschen an Bord fort und sanken spät abends erschöpft mit ein paar neuen blauen Flecken und diesmal schmerzenden Knöcheln vom Kopfsteinpflaster in die Kojen.

3. Tag (Jungfernfahrt)

Für den heutigen Tag, den Pfingstmontag, hatten sich Freunde aus Rostock zum Mitsegeln angekündigt. Unsere segelaktive Mannschaft setze sich zusammen aus einem unfähigen Kapitän, der Segelboote bereits am ersten Tag auf Sandbänke setzt, seiner Ehefrau, die Ihre Skepsis gegenüber der Poseidon nach wenigen Segelminuten vor Tagen ablegte und nun in einer vollkommen Begeisterung schwelgte, jedoch den inkompetenten Kapitän daran erinnerte, sich wenigstens den aktuellen Wetterbericht vom Hafenmeister geben zu lassen - manchmal frage ich mich wirklich, wer von uns beiden den Segelschein gemacht hat - und meinem Freund, der stolzer Besitzer des Sportboot-Führerscheines ist, aber von Segeln so viel Ahnung hat, wie mein Hund.

Der Rest der Passagiere setzte sich aus mehr oder weniger Segelbegeisterten Personen zusammen, die teilweise absolut keine Segel-Erfahrung mitbrachten, aber wißbeigierig und seit den letzten Tagen absolut begeistert waren, bis zu einer zwar segeltörnerfahrenen Mitseglerin, die aber dem Segelsport nichts abgewinnen konnte und mehr die Gefahr im Segelsport erkannte, sich dabei die Fingernägel abzubrechen. Da der Wetterbericht aber strahlenden Sonnenschein bei 3-4 Windstärken vorhersagte, sollte einem begeisterungsfähigen Segeltörn nichts mehr im Wege stehen. Die tollen Voraussetzungen hatten schließlich auch zu Folge, dass wir bereits um 7:30 von unseren Freunden lauthals aus den Betten geschmissen und mit frischen Brötchen überrascht wurden. Nach einem ausgiebigen Frühstück warfen wir die Leinen los und stachen gegen Hiddensee in See. Wir hatten uns euphorisch und naiv die Umrundung von Hiddensee vorgenommen.

Die Poseidon legte sich auch mit 7 Personen an Bord kräftig in die Hüften und schob mit 5-6 Knoten bei 3-4 Windstärken auf Raumschot-Kurs zügig durch das glatte Wasser der Bodden. Dieses Mal hatte ich mir zu Herzen genommen, den Kurs vorher durch Wegepunkte im GPS abzustecken, parallel immer die aktuelle Position unter Deck auf dem Laptop und einer digitalisierten Seekarte tracken zu lassen und eifrig Echolot und Kompass zu beobachten, so wie man das eben - durchaus sinnvoll - gelernt hat.

Die Boddengewässer des Strelasundes, dem Fahrwasser von Stralsund bis Hiddensee und vor allem der Bereich der südlichen Passage zwischen Hiddensee und Zingst / Bock in Richtung Ostsee überraschten uns alle. Hiddensee wird immer beschrieben als eine Insel, die im Winter in Raureif glitzernd hinter Eisbarrieren ruht, im Frühjahr festlich geschmückt mit lila Heideblütenteppichen erwacht, schließlich unter hochsegelnden Sommerwölkchen an weiten Stränden lockt, gegen August in prallem Sanddorngold gekleidet erstrahlt, und auf der dann schließlich die Herbststürme in den Kiefern orgeln und Zugvögel zu Abertausenden einfallen. Wir werden nicht enttäuscht: Immer wieder werden wir von den vielen Wasservögeln begeistert, die auf den Sandbanken und zwischen den Dünen schnattern - in der Hitze flimmernde Sandoberflächen bis zum Horizont, brütende Schwäne und Gänse sitzen darin wie in einem riesigen See. Hie und da ragen Mauerreste der alten Leuchttürme und vereinzelte Büsche wie eine Fatahmorgana aus den flimmernden Spiegelungen hervor. Der schneeweiße Sand blendet und es scheint, als hätte noch nie ein Mensch diese Inseln betreten.

Die Gellenstrom-Passage südlich Hiddensee zwischen Bock und dem Naturschutzgebiet Gellen fordert das erste Mal von der Mannschaft zügiges und exaktes Arbeiten, da die Z-förmige Durchfahrt ständig einen Wechsel von Vor-Wind- über Raumschots- bis Halbwindkursen abverlangt. Nachdem meine Kommandos immer routinierter und langsam auch jeder seinen Part beim Bedienen der Schoten gefunden hat, klappt die Durchfahrt wie am Schnürchen und als wir das erste Mal die Ostsee sehen, hat jeder ein Lächeln im Gesicht und kann stolz auf seinen Beitrag zum guten Gelingen und dem hervorragenden Zusammenspiel mit der restlichen Mannschaft sein. Jeder erkennt nun deutlich, was Segelsport sein kann und ich glaube mich erinnern zu können, das fast ein Fingernagel daran glauben musste, als "Madame" in der Euphorie doch mal kurz ein Tau in die Hand nahm.

Selbst die Ostsee hatte bei ablandigem Wind kaum Welle. So kamen wir bei inzwischen 4 Windstärken zügig und absolut trocken voran. Nur meiner umsichtigen Frau haben wir es zu verdanken, dass in allem Überschwang mal jemand auf die Uhr sah und uns ermahnte, wir hätten schon 16:00 und der Kapitän solle doch mal ausrechnen, ob wir wirklich noch heute Hiddensee umrunden könnten. Ein grobes Überschlagen der hierfür noch erforderlichen Seemeilen ergab eine voraussichtliche Ankunftszeit von 2:00 Morgens. Wir hatten bei aller Segelbegeisterung vollkommen die Zeit vergessen und in Anbetracht, dass unsere Gäste am nächsten Morgen wieder zur Arbeit mussten, beschlossen wir, die Umrundung Hiddensees auf eine späteren Termin zu verschieben zumal mein Blick auf die marode Lichtanlage der Poseidon auch nicht gerade Begeisterungsstürme in mir aufkommen ließ. So liefen wir am Abend gegen 19:00 wieder im Hafen ein und waren uns alle sicher, am heutigen Tag Segeln in seiner schönsten Form erlebt zu haben.

4. Tag (Jungfernfahrt)

Der Dienstag Morgen begann mit dem Anruf eines freundlichen Segellehrers, welchen Herr Kraska, der bisherige Besitzer der Poseidon - sicherlich motiviert aus Sorge um unser Wohlbefinden auf und mit dem neuen Schiff - organisiert hat, um uns beratend zur Seite zu stehen, da ich Herrn Kraska über unsere Unkenntnis bezüglich verschiedener Einrichtungen und Anordnungen berichtet hatte.

Herr Thomas sollte gegen 9:00 vorbeischauen und uns helfen, hinter unsere Fragezeichen Punkte oder gar Ausrufezeichen zu setzen. Die erste Erkenntnis war die wohl wichtigste: hatten wir die Poseidon bisher mit den maroden Schoten aus der feuchten Backskiste bedient, so fischte Herr Thomas aus einem der vorhandenen Spinaker-Säcke ein ganzes Bündel von fast neuen Schoten hervor, die eigentlich für die Bedienung der Poseidon bestimmt waren und sich bisher geschickt unseren Blicken entzogen hatten. So wurden aus Vorschoten Reffleinen, aus Festmacherleinen Großschoten, aus Wäscheleinen Unterliekstrecker, aus Spinakkerschoten Vorschoten und aus dem Vorsegelfall das Spinakkerfall. Eindringlich schärfte uns Herr Thomas ein, den großen Spinakker mit 120 qm erst zu setzen, wenn sich mindestens 3 des Spinakkersegelns geschulte und erfahrene Personen an Bord befänden und wir uns der Bedienung des 60qm großen zweiten Spinakkers absolut sicher seien, denn die 120qm treiben die Poseidon auf Vorwindkursen auf 8-9 Knoten und bringen selbst einen Langkieler fast zu gleiten. Bei einer Fehlbedienung aber könne man die gute alte Dame nicht mehr von einem U-Boot unterscheiden und würde im Tiefgang lediglich durch das relativ flach gestalteten Boddengewässer begrenzt. Der Rollbaum wurde entrollt und uns eingeschärft, dass man ein Lattengroß grundsätzlich nicht rollt und die Dirk IMMER im Hafen durch die Baumschäre unterstützt, da beim Reißen der Dirk der 6m lange Massivholz-Baum einem Schmiedehammer gleich eine unter ihm sitzende Person direkt durch die Bretter der Plicht, vorbei an Motor und Kielschwein bis in den Grund den Hafenbeckens treiben würde. Das war aber nicht das einzige Ausrufezeichen welches wir an diesem Tag sehen sollten!

Nachdem wir dankend, aber betreten Herrn Thomas verabschiedeten, wollten wir uns den verdienten Morgen-Kaffee gönnen. Hierzu gab es an Bord einen - wie es schien - fast nagelneuen Petroleum-Kocher. Mein Bruder, sich der Kenntnisse um die Bedienung einer eigenen Petromax-Petroleum-Lampe bewusst, erklärte den Vorgang des Entzündens durch Pumpen und Vorheizen mit Vorglühdüse. Aber das ständige Pumpen trieb lediglich das Petroleum aus dem Überdruckventil in die Auffangschale um die Brenner herum, der Vorglühdüse entstieg auch nicht der geringste Hauch von Petroleum und als die Schale halbvoll war, wurde sie durch eine unachtsame Bewegung mit dem Feuerzeug entzündet. In kürzester Zeit war der ganze Kocher in Flammen und die Kombüse in Rauch gehüllt. Nur dem beherzten Einsatz meines Bruders - wozu ist er schließlich bei der Feuerwehr - und einem gezielten Wurf des Kochers ins Freie war es zu verdanken, dass die gute alte Poseidon nicht als Kohlefrachter auf den Grund des Hafenbeckens sank. Nun war uns bewusst, warum dieser Kocher so neu aussah und dass wir gerade eben wieder ein Ausrufezeichen verpasst bekommen hatten! Tage später fanden wir in einem Schapp die Bedienungsanleitung des Kochers und erfuhren darin, dass die Vorglühdüsen mit Feuerzeug-Gas funktionierten und durch ein zweites Ventil in einen zweiten separaten Tank befüllt werden sollten. Seit Lesen der Bedienungsanleitung hat sich dieser Kocher als äußerst simpel und zuverlässig in der Bedienung erwiesen. Aber wozu schreibt man auch Bedienungsanleitungen????!!!

Nach einem ausgiebigen 2.Frühstück beschlossen wir, noch einen kurzen Schlag in den Bodden zu machen. Wir wollten gleich unsere neuen Kenntnisse bezüglich den Reffens ausprobieren, da für den heutigen Tag 4-5 Windstärken, in Böen bis zu 6 Bft angesagt waren - als pflichtbewußter Kapitän hat man sich natürlich!!! vorher informiert. Die anfänglichen Bedenken der Mannschaft bezüglich der Windstärke waren bald verflogen, nachdem die gerefften Segel ohne Gefahr und Hektik bei wenig Welle gesetzt waren, die Poseidon sich in gewohnter Manier in die Hüften legte und vollkommen ohne Ruderdruck die 5 Bft unter 30 ° Schräglage bedeutungslos wegsteckte. Selbst harte Böen quittierte sie lediglich durch mehr Schräglage, bis der Lee-Süll das Wasser streifte. Aber Sie pflügte durch den Sund, als hätte Sie nie etwas anderes gemacht. Um die Mannschaft aber nicht zu sehr zu strapazieren - denn an das Segelbergen mussten wir ja am Ende des Törns auch noch denken - und da der Wind nochmals zulegte, beschlossen wir, es fürs erste nicht zu übertreiben. So fuhren wir nach 2 Stunden wieder gen Hafen, holten in aller Ruhe die Segel ein und machten an der Nordmole fest. Die Erkenntnis, dass auch bei viel Wind die Poseidon ein absolut zuverlässiges Schiff war und Sicherheit vermittelte, war mir und der Mannschaft, die teilweise so viel Wind zum ersten Mal auf einem Segelschiff erlebt hatten, sehr wichtig. Ganz stolz waren wir alle auf meine Schwägerin, der es normalerweise selbst auf den Bodensee-Fähren schlecht wird und Lea meiner 11 jährigen Nichte, die beide freudestrahlend und mit viel Farbe im Gesicht das Schiff nicht mal mehr im Hafen verlassen wollten.

Die Poseidon war uns allen jetzt schon ans Herz gewachsen.

ENDE