"Rund Rügen"
(Erzählung über 6 Tage)

1. Tag - Am Anfang war die Theorie (Rund Rügen)

Es war eine verrückte Zusammenstellung von Personen, die ich dieses Mal auf der Poseidon begleiten sollte. Ich war das erste Mal ohne meine bessere Hälfte als unverzichtbare Unterstützung unterwegs, dafür aber mit zwei absoluten Neulingen des Segelsports, die außer großer Neugierde hierfür und ein bisschen Bodensee-Motorbooterfahrung keinerlei Vorkenntnisse hatten. Irgendwie war mir schon etwas mulmig ums Herz, wenn ich an die diversen verkorksten Anlegemanöver in jüngster Vergangenheit mit erfahreneren Seglern dachte. Und jetzt sollte das alles mit meinen beiden Benjamins funktionieren? Meine einzige Hoffnung legte ich also in meine gute alte Dame, die Poseidon. Meine „alten“ Segelfreunde hatten zwar keine anderen Argumente als „Du bist schon ein wilder Hund“, was mein Vorhaben auch nicht ausschlagen konnte, die beiden in einer Woche ein bisschen von meiner Segelbegeisterung schnuppern zu lassen und die Poseidon mit deren Hilfe wieder unversehrt in den Heimathafen zu bringen.

Nach einer „alkoholfrei durchzechten“ Nacht auf der Autobahn und einem unkomplizierten Fahrerwechsel war mir klar, dass meine beiden Jungs zumindest ein gewisses Maß an Belastbarkeit und Zuverlässigkeit mitbrachten. Wir entschlossen uns nach der Ankunft und einer kurzen Besichtigung der Poseidon dann dennoch für ein kurzes Nickerchen. Wir wollten uns keinen Stress schon am ersten Tag machen. Dass ich der letzte war, der gegen Mittag aus den Federn kroch beschämte mich doch etwas: Sollten die beiden den noch mehr Begeisterung für den ersten Tag mitbringen, also ich?

Natürlich wollten wir heute noch auslaufen, zumindest auf einen kurzen Schlag im Stralsunder Bodden, aber ein gewisses Maß an grundlegenden Verhaltensweisen an Bord, einer Erklärung der wichtigsten theoretischen Grundlagen des Segelns und der Sicherheitsunterweisungen musste leider sein. Als sich nach 3 Stunden „fachsimpeln“ die Augendeckel meiner Schüler so langsam zu senken begannen, war mir klar, dass deren Akkus voll waren. Ein kurzes „Na, dann wollen wir mal“ und der „Hallo-Wach-Faktor“ der Praxis riss die Augen wieder auf.

Unter strahlendem Sonnenschein und einem leichten 2er Wind liefen wir aus. Es war das ideale Wetter, um meinen Benjamins die Praxis des Segelns moderat beizubringen. Argumente meiner Gäste wie „Das ist Leben!“, „Auf so einem Schiff könnte man auch sicher längere Reisen machen“, „Ich sollte vielleicht doch noch meinen Segelschein machen“ ließen Dankes-Hymnen meinerseits für dieses „schnuggelige Benjaminswetter“ zum Wettergott schweben. Es hätte wirklich am ersten Tag nicht schöner sein können.

Selbst das erste Anlegemanöver klappte so professionell, dass ich „die besten Kapitäne am Steg“ auf den anderen Schiffen gelangweilt abwendeten und in sich hineinmurmelten „Sind eh Profis“. Im „Alten Fritz“ – meinem Stralsunder Stammlokal – feierten wir traditionell noch den ersten Schlag und fielen nach einem (oder mehreren) Gläschen Wein auf dem Schiff so gegen drei Uhr morgens wie tot in die Betten.

2. Tag - Wollen wir uns schon auf das offene Meer wagen?
(Rund Rügen)

Nach einem ausgiebigen Frühstück und noch etwas trockener Theorie stand die Frage im Raum: „Wo wollen wir hinsegeln?“. Da sich Engelbert für Sonntag angekündigt hatte und ich die Praxis erst noch etwas im Bodden vertiefen wollte, bevor ich mich mit den beiden Neulingen auf die offene Ostsee wagen wollte, entschloss ich mich zunächst, den Greifswalder Bodden anzusteuern. Leider sagte Engelbert sein Vorhaben bei uns vorbeizukommen ab. Durch das späte Frühstück und die damit verpasste Ziegelgraben-Brückenöffnung und den östlichen Wind entschlossen wir uns, doch noch mal den Stralsunder Bodden für unsere übungen zu nutzen.

Es waren 3 Windstärken aus Südost vorhergesagt, also ideale Bedingungen, um Hiddensee anzusteuern. Alex und Wolfi waren so wissbegierig und talentiert, dass ich an der grünen Verzweigungstonne in Erwägung zog, doch schon auf die Ostsee raus zu segeln, zumal wir mit dem 3er ablandigen Wind in Lee von Hiddensee nicht mit sehr viel Welle zu rechnen hatten. Die Augen meiner Mitsegler begannen vor Begeisterung zu leuchten, als ich Ihnen die Alternative vorschlug. Als ich Ihnen noch das Beidrehen als „Notbremse“ des Seglers zeigte, stand der Entschluss fest: Wir wagen den Schritt auf die offene Ostsee!

Die Poseidon rauschte mit 6 kn durch den Bock, die südliche Durchfahrt von Hiddensee hinaus auf das offene Meer. Selbst die Ostsee war mit meinen beiden Gästen gnädig und zeigte sich derart moderat, dass bald die Frage auftauchte: „Sind wir jetzt schon auf der offenen Ostsee?“. Ich verkniff mir die ehrliche Antwort: „Sei froh, dass es nicht mehr Welle gibt!“

Wir waren bereits gegen Mittag am Leuchtturm Hiddensee und ich begann etwas übermütig zu werden: „Wollen wir gleich nach Lohme segeln?“ Das Vertrauen meiner Lehrlinge in mich und die Begeisterung, bei diesem traumhaften Wetter war geradezu grenzenlos. Mein GPS rechnete zwar mit einer ETA von 19:00 aus, ich vergas jedoch im ersten Moment das notwendige Aufkreuzen bei südöstlichem Wind nach Lohme. Als wir dann die Nordspitze von Hiddensee erreichten, erwischte uns die aus der Bucht ankommende Welle, was dann doch in mir Zweifel aufkommen und das Blut aus dem Gesicht meiner beiden Freunde weichen ließ. Ich entschloss mich, doch Vitte auf Hiddensee anzulaufen.

Schnell griff ich zur versprochenen „Handbremse“ und drehte bei. Bei absolut ruhiger Bewegung des Schiffes konnten sie sich beim Umziehen Zeit lassen und ich konnte Ihnen das Reffen des Segels bei wirklich ungefährlicher See zeigen. Sie gewöhnten sich schnell an die Bewegung der Poseidon und begannen den Unterschied eines Seelschiffes zu einem Motorboot zu erkennen. Nun kehrte auch wieder die Begeisterung fürs Segeln und die Farbe in die Gesichter zurück. Als wir in die Landabdeckung des Pred und damit ruhigeres Wasser erreichten, war es keine Frage, dass sich beide geradezu darum rissen, die Segel zu bergen, obwohl der Wind auf 4 Bft zugenommen hatte. In aller Ruhe, mit viel Leefreiheit wurden die Segel eingeholt und ich teilte den beiden hoffentlich begeistert genug meine Hochachtung vor Ihrem Mut und Geschick mit.

Die anspruchsvolle Ansteuerung von Vitte gab mir noch Gelegenheit ihnen alle Varianten der Navigation in einem Fahrwasser an einem praktischen Beispiel zu erklären.

Kurz vor der Einfahrt in den Jachthafen von Vitte nervte mich ein Jollensegler, der mitten im Fahrwasser begann, seine Schoten aufzuklarieren. Kurzentschlossen gab ich Gas und überholte die Nervensäge schwungvoll. „Die kleinen Sünden straft der Herrgott immer gleich“ dachte ich mir, als wir nickend schlagartig mit der Poseidon stillstanden. Ich hatte eine Fahrwassertonne während meines überholmanövers übersehen und war gegen die Kannte der Fahrrinne gefahren.

Dank meiner Profi-Schüler klappte das Anlegemanöver dann absolut perfekt, so daß die aus allen Schiffen wegen unseres Auflaufens gereckten Köpfe der „besten Kapitäne am Steg“ schnell wieder verschwanden.

3. Tag - Bullenritt auf dem Vorschiff (Rund Rügen)

Der Morgen des dritten Tages bescherte uns wieder einen strahlend blauen Himmel. Es waren 4 Windstärken aus Südost vorhergesagt, später zunehmend auf 5. Nachdem wir gestern schon einen kräftigen 4er erlebt hatten und die Sache mit dem Reffen im beigedrehten Zustand ausgezeichnet geklappt hat, trauten wir uns auch die ganze Sache bei mehr Wind und Welle zu. Wir wollten zumindest den Versuch wagen, in den restlichen 4 Tagen die Insel Rügen (in einem Anflug von Euphorie nannte Alex die Insel am Telefon mal „Rügle“, damit stand für uns der neue Spitzname fest) zu runden.

Doch zuvor wollte ich noch die Standfestigkeit meiner beiden Mitsegler zum Arbeiten auf dem Vorschiff testen, die ja leider bei einem Traditionsschiff ohne Rollfockanlage beim Segelwechsel oder –bergen bisweilen gefordert sein kann. Als wir aus dem Fahrwasser von Hiddensee herausfuhren, ließ ich deshalb Wolfi und Alex erst mal gegen die 1,5m hohen Wellen die Segel setzen. Das klappte – wenn auch noch etwas verkrampft - hervorragend. Sie hatten sich beide verinnerlicht: „Immer eine Hand für sich, die andere Hand zum Arbeiten“. Das Erfolgserlebnis stand Ihnen gut zu Gesicht, als die Segel gesetzt waren und sie freudestrahlend und wohlbehalten wieder in das schützende Cockpit kletterten. „Das ist ja wie Bullenreiten“, grinsten Sie beide. Sie hatten Bedachtheit, Vorsicht und Mut bewiesen und brachten so die besten Voraussetzungen für eine Umrundung von „Rügle“ mit. Ich hätte mit Sicherheit einen anderen Kurs gewählt, wenn einer von Ihnen größere Bedenken beim Arbeiten auf dem Vorschiff angemeldet hätte, so wie das schon oft bei einigen früheren Mitseglern der Fall war. Wenn man nicht den richtigen Bezug zum Meer und der Segelei finden kann, ist dies keine Schande für den Einzelnen, es wäre jedoch unverantwortlich, mit einer verängstigten Manschaft die schützenden Regionen des Boddens mit einem solchen Schiff zu verlassen, zumal bei einer Umrundung von Rügen zwei lange Schläge von mehr als 30sm doch ein gewisses Durchhaltevermögen bei entsprechendem Wetter von der Mannschaft abverlangen können.

Die Poseidon legte sich bei den anfänglichen 3 Bft mächtig ins Zeug und wir schafften in kürzester Zeit die Strecke bis Kap Arkona. Erwartungsgemäß frischte der Wind ums Kap herum auf 4 Bft auf, die Welle stieg ebenfalls auf ca. 2m, sodass ich mich noch vor der Umrundung des Kaps entschloss, ins 1.Reff zu gehen. Wir wollten uns nicht unnötig strapazieren und banden es unter „gezogener Handbremse“ im beigedrehten Zustand ein. Das Reffen verlief absolut professionell und vollkommen ohne Hektik. Wir bildeten inzwischen eine solch eingespielte Mannschaft, als würden wir schon seit langem miteinander segeln.

Wie vorhergesagt frischte gegen Nachmittag der Wind auf 5 Bft auf, was jedoch kein Problem darstellte, da wir bald in der Abdeckung der Kreidefelsen von Rügen segelten und in ruhigerem Wasser gegen Abend die Segel zum Einlaufen nach Lohme bergen konnten. Wir blickten alle auf einen phantastischen Segeltag zurück und waren stolz, die Poseidon bereits am dritten Tag so gut im Griff zu haben. Abends stießen wir auf die Poseidon im Lokal „Daheim“ an und feierten unseren schönen Urlaub.
 

4. Tag - Seedorf scheint unerreichbar
(Rund Rügen)

Die Nacht über pfiff es in den Wanten und der Wald oberhalb des idyllischen Hafens von Lohme rauschte. Obwohl das Schiff nachts absolut ruhig lag, war mit klar, dass der Hafen ein trügerisches Bild über die tatsächlichen Verhältnisse draußen abgab. Ich war schon ein paar mal darauf reingefallen, hatte Lohme mit Vollzeug verlassen und wurde dann draußen durch einen enormen Seegang überrascht, wenn es nachts gepfiffen hatte.

Ich schlug deshalb vor, bereits im Hafen die Baum-Sturmfock anzuschlagen, schon deshalb, da ich den Beiden somit in aller Ruhe den Sinn eines Kutterstages und die Vorgehensweise beim Wechsel von Vorsegeln und die Bedeutung einer Baumfock erklären konnte. Falls der Wind später nachlassen sollte, könnten wir immer wieder die größere Genua anschlagen. Der Wetterbericht sagte jedoch 5-6Bft aus Südost, später abnehmend auf 4 aus Ost vorher. Südöstlicher Wind in dieser Stärke war eine äußerst schlechte Voraussetzung für die Fahrt nach Seedorf, da wir erst mal genau nach Südost das Kap Pred umrunden mussten. Dies hieß aufkreuzen. Und das bei einem zu erwartenden Wendewinkel von 130° bei dieser Windstärke. Damit stand uns eine Reise von 6-8 Stunden bei für Anfänger extremen Windverhältnissen vorher. Meine einzige Hoffnung war die spätere Winddrehung auf Ost.

Kaum hatten wir den schützenden Hafen verlassen, rollte eine Dünung der vergangenen Nacht an, die es selbst schwierig machte die Segel zu setzen. In Anbetracht der hohen Wellen zog ich einen Hafentag in Erwägung, die beiden setzten jedoch offensichtlich fast grenzenloses Vertrauen in die Poseidon und wollten den Schlag nach Seedorf wagen. Sollte es doch noch zu heftig werden, könnten wir ja wieder zurück nach Lohme oder gleich um die Ecke herum Sassnitz anlaufen. Da bisher alles so gut geklappt hatte, fand ich das Risiko absolut kalkulierbar und stimmte einem Versuch zu.

Ich wollte die beiden nicht unnötig gefährden und entschloss mich deshalb, selbst auf das Vorschiff zu krabbeln. Wolfi steuerte sicher genug, um die Poseidon im Wind zu halten. Ein paar mal tauchte die Poseidon kräftig ein und spülte mich vom Hosenbein bis zur Unterhose von unten nach oben durch, ich wurde aber Sekunden später wieder in 4m Höhe bei luftigen 6Bft getrocknet. Bei allem Respekt vor den Naturgewalten: Ich will nicht übertreiben, aber mir macht das unheimlichen Spaß, auch wenn ich danach von innen mehr nassgeschwitzt war, als mich von außen die Wellen gewaschen hatten. Und man darf dabei nicht vergessen, dass eine kleine Unachtsamkeit mich selbst oder die anderen enorm gefährden oder verletzen hätte können. Aber fände dies in einem Hallenbad statt, man brächte mich erst kurz vor der Erschöpfung wieder vom Vordeck weg.

Als ich ins Cockpit krabbelte bemerkte ich sofort, dass Alex kurz vor einer Opferung an Neptun stand. Ich schlug vor, alternativ wieder zurück nach Lohme zu fahren, zumal uns bis Seedorf dieser Ritt auf den 2-3m hohen Wellen noch sicherlich 6-8 Stunden beschäftigen würde. Aber ein Zurück gab es für Alex und Wolfi nicht. Es dauerte auch keine ½ Stunde als Alex dann doch noch „Bröckele husten“ musste. Aber selbst dies brachte Ihn nicht von dem Entschluss ab, bis zum nächsten Hafen durchzuhalten. Nachdem wir jedoch bei diesem Seegang und dem kräftigen Wind nur einen GPS-Wendewinkel von 130° zustande brachten, da die Abdrift durch die querschlagenden Wellen so hoch war, entschloss ich mich, Sassnitz anzulaufen. Durch die in der Zwischenzeit nach Osten gewonnene Höhe konnten wir nun Sassnitz mit halbem Wind ansteuern und rauschten mit fast sieben Knoten im 2. Reff und Sturmfock dahin. Alex hatte sich im Cockpit hingelegt und schnarchte schon wieder. Mir war klar, dass er das schlimmste nun hinter sich hatte und Ihm nun der „Seebär“ in die Wiege gelegt werden würde.

Da der Wind direkt auf die Hafeneinfahrt von Sassnitz blies, sah ich keine Möglichkeit, die Segel in ruhigem Wasser zu bergen. Ich schlug vor, den Baum nicht in die eigentlich dafür vorgesehene Grätsche zu legen, da dies bei diesem Seegang absolut unmöglich war, sondern diesen kontrolliert am Deckrand abzulegen und an der Reling festzubinden. Das Verstauen in die Baumschäre könnten wir dann im Hafen erledigen. Warum waren wir da nicht schon bei früheren Segelreisen draufgekommen? Das Reinfummeln des 200kg schweren Großbaumes in die Schäre kommt dem Einfädeln eines Ambosses in ein Nadelöhr während einer Achterbahnfahrt gleich und hat uns auf der Poseidon in der Vergangenheit schon oft den gleichnamigen Gott der Meere verfluchen lassen. So aber klappte das Bergen der Segel schnell und unkompliziert.

Die auf den Hafenkopf schräg anrollende See brachte die Poseidon ohne die stützenden Segel doch noch ein paar mal in eine „für Motorbootfahrer kritische Lage“ und trieb so manche Schweißperle auf die Stirn meiner beiden Freunde. Erst meine Erklärung des „Stehaufmännchen-Prinzips“ einer Segeljacht konnte sie dann doch wieder beruhigen.

Wir waren stolz, als wir in Sassnitz mit der Poseidon derart professionell anlegten, als hätten wir das schon 1000 mal gemacht. Wir hatten immerhin 5 Stunden das Meer in einer nicht gerade alltäglichen Art ertragen. Selbst ich war um die Erfahrung reicher geworden, dass die Poseidon auch in gröberer See absolut zuverlässig ist und sich hervorragend steuern lässt.
 

5. Tag - Mit über 7 Knoten durch
 die 3m hohe Dünung
(Rund Rügen)

Da die Nacht sehr stürmisch war und die Wellen am Morgen trotz deutlich nachlassendem Wind auf 3 Bft immer noch über die Mole gischten, beschlossen wir die Segel bereits am Steg zu hissen und unter Segeln vom Steg abzulegen. Der Hafen von Sassnitz ist hierfür eigentlich groß genug. Wir müssten uns hierzu einfach nur rückwärts treiben lassen, um dann mit back stehender Fock die Wende einzuleiten. Leider hatte die Poseidon beim Rückwärtsfahren wieder mal ihren eigenen Willen und nur der starke Motor verhinderte, dass wir unter Vollzeug fast einen 10 mal so großen Fischerkutter im Hafen versenkt hätten. Das war denn doch etwas übermütig von mir und ich gab mir alle Mühe den anderen ein Gefühl zu vermitteln, als sei das alles ganz normal. Ich hoffe, Wolfi und Alex waren die vielen „besten Kapitänen am Steg“ entgangen, die sich in kürzester Zeit zu einer Menschentraube versammelt hatten, um dieses Schauspiel lautstark zu kommentieren.

Gestresst vom Ablegen mussten wir alle erst mal verschnaufen und waren froh, nur mit mäßigem Wind über die lange Dünung der vergangenen Nacht zu reiten. Ich hatte so große Wellen in den zwei Jahren in der Ostsee noch nie erlebt. Durchschnittlich waren sie sicher zwischen 2,5 und 3m hoch und wunderschön langgezogen, sodass das ständige wogende auf und ab richtig Spaß machte. Wolfi hatte zwar anfangs noch ein bisschen mit seinem Magen zu kämpfen, was er allerdings eher dem Alkoholkonsum des letzten Abends zuordnete. Nach einer ½ Stunde hatte er sich „eingeschaukelt“ und beide fühlten sich wie alte Seebären.

Wolfi und ich grinsten uns zustimmend an, als sich die Poseidon dem Kap Pred näherte und die Kreuzsee und der inzwischen auf 4Bft gestiegene Wind uns ab und an einen Wellenberg offerierte, der alle Aufmerksamkeit erforderte und wie eine bis zur ersten Saling reichende Wand sich uns näherte. Die ersten ein oder zwei Mal musste selbst ich schlucken, versuchte dabei jedoch mein grinsen im Gesicht zu behalten, um Wolfi nicht zu beunruhigen. Alex schlief in Lee den Schlaf eines Seebären. Und die Poseidon hob sich über diese Berge, als hätte sie noch nie etwas anderes gemacht. Die gute alte Dame gab uns letztendlich die Sicherheit, die unsere Zweifel schnell weichen ließ. Nicht im entferntesten gab sie uns jemals das Gefühl, langsam an Ihre Grenzen zu gelangen, sondern ganz im Gegenteil: Das war Ihre Welt, da konnte sie Ihre Vorzüge voll ausspielen und fühlte sich wohl dabei.

Nach dem Umrunden des Kaps legte ich mit halbem Wind Kurs an das Landtief-Fahrwasser. Alex erhob sich aus seinen Träumen der Umrundung der Kap Horns und übernahm die Pinne. Mit einer Spitzengeschwindigkeit von 7,6 kn über Grund pflügte das gute Stück bei strahlender Sonne durch die Wogen und wir waren uns alle einig, dass Segeln kaum jemals schöner sein kann.

Der anschließende fast wellenlose Greifswalder Bodden und die idyllische, schmale flussähnliche Einfahrt nach Seedorf ließen uns fast vergessen, was wir an diesem Tage bereits erlebt hatten. In rekordverdächtiger Zeit bargen Alex und Wolfi bei Windstärke 4 die Segel und ließen mich vollkommen vergessen, dass die beiden erst vor 4 Tagen das erste Mal eine Segeljacht betreten hatten. Das Anlegemanöver im absolut windstillen Seedorf war schon Routine und verlangte von mir kaum noch ein Kommando ab.
 

6. Tag - Auch Regen gehört zu einer
 Seereise
(Rund Rügen)

Der anstrengende vergangene Tag hatte doch seinen Tribut gezollt: Wir erhoben uns erst gegen 9:30 aus den Federn. Ein ausgiebiges Frühstück mit frischen Brötchen vom Bäcker wollten wir uns aber dennoch nicht entgehen lassen, zumal es seit den Mitternachtsstunden nur noch in Strömen geregnet hatte und absolut windstill war. Wir mussten uns also auf einen „Motor-Tag“ einstellen, denn wir wollten zuverlässig die Ziegelgraben-Brückendurchfahrt um 17:20 schaffen. Dick eingepackt in unsere Segelklamotten verließen wir kurz vor Mittag erst den Hafen und mussten fast Vollgas geben, bis das GPS eine voraussichtliche Ankunftszeit von 17:15 angab. Es waren immerhin noch 33 Seemeilen zurückzulegen. Bald ließ der Regen nach und der Wind frischte auf 6 Bft auf, was uns jedoch im Bodden im wahrsten Sinne des Wortes kalt ließ. Durch zwei kleine Abkürzungen konnten wir sogar noch ½ Stunde gut machen, sodass wir pünktlich zur Öffnung an der Ziegelgrabenbrücke ankamen.

- ENDE DER ERZÄHLUNG -

PS: Das Ende der Segelreise feierten wir wieder traditionell im „alten Fritz“ und hatten alle nur noch ein Problem zu lösen: "Wann fahren wir das nächste Mal zusammen auf der Poseidon?"
 

ENDE