"Bornholm"
(Eine Geschichte über 4 Tage (einschl. ein paar Nächte))

Anreise und ablegen (Bornholm)

Hallo Ihr Lieben,

nachdem die Insel Bornholm seit den letzten verzweifelten Versuchen sie anzulaufen langsam zu einer fixen Idee in meinem Hirn geworden war, wollten wir (Cordula, Raimund und ich) es endlich wagen, obwohl uns einige im Hafen davon abgeraten hatten, da der Wind zwar von der Stärke her ideal war, aber leider aus der falschen Richtung wehte. Mir war klar, dass entweder auf der Hin- oder Rückreise wir auf jeden Fall mit der "falschen" Richtung leben mussten, da nur in den seltensten Fällen mit dem idealen halbem Wind auf so einer Reise zu rechnen ist. Der Wetterbericht sagte zwar nur Windstärke 1-2 vorher, zum Aufkreuzen war mir das aber gerade recht, da wir dann unter Vollzeug segeln konnten.

Nach der wie immer langen Anreise am Freitag bunkerten wir am Samstag morgen noch für die uns bevorstehenden 4 Tage und legten mittags ab in Richtung Lohme, dem idealen Ausgangshafen für die Überfahrt nach Bornholm. Da aus dem vorhergesagten 2er Wind über Mittag ein 3er geworden war, entschlossen wir uns den weiteren Weg über die Außenseite von Hiddensee nach Lohme zu nehmen. Es war einfach phantastisch zu segeln. Raimund hatte genügend Zeit, sich als absoluter Segelneuling auf alles einzustimmen und uns beiden "Profis" blieb genügend Zeit, Raimund mit unseren Kenntnissen zuzumüllen. Bei einem so begabten Schüler wurde aus dem Vorhaben "Perfect Sailing in 24 hours" ein "Perfect Sailing in 8 hours".

Erst als sich der vorhergesagte 2er Wind in einen heftigen 5er mit recht kurzen, kabbeligen Wellen verwandelte, kündigte sich eine leichte Magenverstimmung bei unserem "Segel-Benjamin" an. Um Ihm nicht gleich am ersten Tag den Spaß am Segeln zu nehmen und auch wegen der bereits fortgeschrittenen Zeit - ich rechnete mir eine ETA von 23:00 in Lohme aus - beschlossen wir gemeinsam, doch die Landabdeckung von Hiddensee zu nutzen und dort Vite anzulaufen, selbst auf die Gefahr hin, dass wir wegen der späten Stunde in dem kleinen Hafen kaum noch einen "normalen" Liegeplatz bekommen würden und außerdem sich dann unsere Ansteuerung nach Bornholm um ca. 20 sm verlängern würde. Wie erwartet war Vite brechend voll und uns entgegenkommende Schiffe winkten ab bei der Frage nach freien Plätzen. Ich hatte jedoch schon oft nette Leute in Häfen gefunden, die einen "im Päckchen" liegen lassen und wagte deshalb einen Versuch. Gleich beim ersten Anlauf trafen wir auf ein sehr liebes Ehepaar mit einem riesigen Motorschiff, welche uns freundlich neben sich aufnahmen. Man sieht also wieder mal, dass auch Motorschifflebesitzer sehr nett zu Seglern sind. Wollen wir uns dessen auch erinnern, wenn's dann mal anders rum ist?
 

Sonntag und die Folgenächte (2)
Bornholm

Nach einem kurzen Frühstück verließen wir gegen 8:00 den Hafen. Zwar sagte uns der Wetterbericht wieder nur 1-2 Windstärken voraus, aber über die Aussagekraft des Deutschen Wetterdienstes konnten wir uns ja schon tags zuvor vergewissern und rechneten deshalb auch mit mehr. Selbst unter diesen Voraussetzungen - und wohl auch, weil Raimund ahnte, wie wichtig mir die Reise nach Bornholm war - stimmte er zu und hatte selbst in Erinnerung an seinen flauen Magen am letzten Abend keine Bedenken, die Reise anzugehen. Auch auf meine eher negativ-malenden Visionen meinte er: "Wir packen das schon!"

Der Wind war anfänglich eher flau. Um nicht zu viel Zeit hinter der Landabdeckung von Kap Arkona zu verlieren, entschlossen wir uns, die ersten 6 sm bis dorthin unter Motor zu fahren. Dort frischte der Wind dann auch tatsächlich auf und wir konnten bis auf 10 knapp den Kurs nach Bornholm anlegen. Da wir jedoch so hoch am Wind segelten, brachten wir trotz 3er Wind anfänglich nicht mehr als 3-4 kn auf die Logge zumal wir gegen eine Mischung aus Dünung und Windsee ankämpften, die Ihren langen Weg aus Russland hinter sich hatte. Wir hätten am liebsten den Mann vom Deutschen Wetterdienst am Bug festgebunden, damit er die "See bis maximal 0,5m" am eigenen Leib hätte spüren können. Raimund machte dann auch noch den Fehler und zog sich unter Deck um. Ich erkannte erst beim Blick in sein grünes Gesicht als er den Niedergang wieder hochkam, dass sich wohl sein Magen wieder zu melden begann. Er hatte sich aber gut unter Kontrolle und war voll einsatzfähig - natürlich bis die auf "Unterdeckarbeiten".

In der Abenddämmerung begann langsam die Insel Rügen im Dunst zu verschwimmen. Wir fuhren weiter ins Blaue Nichts, dort, wo sich laut Seekarte und GPS Bornholm befinden soll. Es ist das zweite mal, dass ich dieses Gefühl erleben darf, ins "Nichts" zu fahren. Und auch dieses mal muss ich an die großen Entdecker wie Columbus, Magellan, James Cook oder andere denken, die nicht mal Seekarten, geschweige denn GPS, ja nicht mal eine wage Ahnung von dem hatten, was sie wohl erwarten würde. Was für kleine Seefahrerchen sind wir gegen diese Menschen! Und doch kommt in diesem Moment immer ein Gefühl des Entdeckers in mir auf - auch wenn ich mir bewusst sein muss, dass ich alleine am heutigen Tag wahrscheinlich der siebenunddreißigste Skipper bin, der "Entdecker von Bornholm" spielen darf.

Kurz vor Mitternacht beginnt der Wind langsam schwächer zu werden. Wir haben uns entschlossen, nachts eine 2-Stunden Schicht durchzuführen, also im zyklischen Tausch 2 Stunden an der Pinne, danach 2 Stunden schlafen unter oder auf Deck, danach 2 Stunden dösen auf Deck neben dem Steuermann und Ihm eventuell zur Hilfe gehen oder Ihn mit Nahrung versorgen. So hat jeder 4 Stunden Ruhe, 2 Stunden Arbeit und es sind immer 2 an Deck, obwohl wir nur zu dritt sind. Tags über haben wir einfach nach Bedarf durchgewechselt.

Schon 20 sm vor Ronne konnten wir bereits das Blitzfeuer ausmachen. Gegen Morgen flaute der Wind total ab. Die letzten 5 sm liefen wir dann unter Maschine. Da ich den Hafen nicht kannte, Raimund und Cordula wie tot schliefen - endlich kein Seegang mehr - entschloss ich mich 5 sm vor Hasle, unserem Zielhafen, den Motor auszumachen und mich ebenfalls an Deck bis zum Morgengrauen hinzulegen. Die Segel ließ ich gesetzt, die Fockschot band ich mir um das Handgelenk, so dass ich jeden auch noch so kleinen Windhauch hätte erkennen können. Mein Handy programmierte ich auf ein 15Min. Vibrationsweckintervall, und vergewisserte mich dabei immer, dass ich nicht von einer Schnellfähre auf Korn genommen wurde. Gezeichnet von der Nacht wälzten wir uns in den ersten Sonnenstrahlen an Deck und machten das Schiff klar zum Einlaufen. Das Anlegen im Hafen von Halse klappte sogar wie im Bilderbuch - ein eingespieltes Team eben, hätte sicher jeder gedacht. Aber leider hatten wir um 8:00 morgens keine Zaungäste. Nach einem weiteren Nickerchen - jeder schlief wie tot - erkundeten wir das kleine Städtchen Hasle, mussten jedoch frustriert feststellen, dass es hier keine Möglichkeit gab, unseren unbändigen Hunger zu stillen. Also mussten unsere Vorräte herhalten. Wir hatten für unsere "Entdeckereise" ja vorsorglich Proviant für eine Weltumsegelung mitgenommen, so nach dem Motto : "Man weiß nie, wohin der Wind einen treibt."

Die Archivierung des Trackings unserer letzten Nacht ergab überraschenderweise ein Etmal von 105sm, obwohl die direkte Distanz zwischen Vite (Hiddensee) und Hasle(Bornholm) nur 78sm aus der Karte ergibt. Dies ist wohl dem Aufkreuzen gegen die nicht ideale Windrichtung zuzuschreiben. Da sich der Wetterbericht über eine 0190-Nummer aus Bornholm nicht abrufen ließ, holten wir die "aktuellen" Wetterinformationen vom DWD über Volker ein. Die uns übermittelten "aktuellen" Wetterdaten entsprachen jedoch in keinster Weise dem, was wir am Himmel beobachten konnten. Also wieder ein Glücksspiel auf der Rückfahrt.

In Erwartung auf eine schnelle Heimfahrt - nun mit Wind im Rücken - verließen wir gegen 19:00 den Hafen. Wir sollten sehr schnell erkennen, dass sich der Wind um 180 gedreht hatte und uns erneut - dieses Mal sogar exakt - auf die Nase blies. Also wieder gegenan kreuzen! Uns entschädigte jedoch ein vollkommen konstanter 3er Wind mir moderater Welle und ein fast kitschiger roter Sonnenuntergang auf der einen Seite und ein Mond- und Marsaufgang auf der gegenüberliegenden Himmelsseite. Hätten wir dieses phantastische Schauspiel nicht selbst erlebt, hätten wir es niemandem geglaubt. Das Meer schimmerte wie zerknitterte Alufolie im Mondlicht und die Poseidon bahnte sich mit 4,5 bis 6,5 kn ihren Weg durch die Nacht. Leider brachten wir bei vernünftiger Fahrt nur einen echten GPS-gemessenen Wendewinkel von 110 hin. so dass nach 50 gesegelten Seemeilen effektiv nur 25 sm Distanz zu Bornholm zurück lagen.

Nach Mitternacht nahm der Wind auf 4Bft zu. Wir wechselten beigedreht ins 1. Reff und erreichten damit über 6,5 kn am Wind! Als dann der Wind auf 5Bft zunahm wechselten wir ins 2. Reff und zogen die Sturmfock im Windschatten der Genua auf. Leider ließ sich unter dieser Besegelung und diesem Wind nur ein Wendewinkel von 130 erreichen. Als dann gegen Morgen die Dünung die 1,5-2m erreichte, der Wind jedoch auf 1-2Bft sank und der effektive Wendewinkel weiter sank, entschlossen wir uns, die Maschine einzusetzen, solange das Verhältnis von Dünung zu Wind so ungünstig für uns war. Diese hohe Dünung der Nacht bei wenig Wind begleitete uns bis Lohme auf Rügen, so dass wir fast 40sm unter Maschine zurücklegten. Laut GPS waren in den vergangenen Stunden aus den 58sm Distanz Lohme/Hasle 96sm zurückgelegte Strecke geworden. Da die 2 durchsegelten Nächte doch Ihre Spuren an uns hinterlassen hatten, verwarfen wir die Idee, gleich bis Stralsund durchzusegeln und erfreuten uns an dem Gedanken an eine warme Dusche und einem ausgiebigen Mal im Lokal "Daheim" in Lohme.

Schlußtag - Fazit Bornholm

Der letzte Tag überraschte uns doch noch mit einer erneuten Winddrehung (der Wetterbericht hatte sich leider schon wieder um lächerliche 180 vertan), so dass wir die komplette Strecke von Lohme nach Stralsund unter Segel zurücklegen konnten. Bei dem abschießenden Abendessen im "alten Fritz" kamen wir einstimmig zum Entschluss: Nach 4 Tagen auf See und insgesamt 284sm!!! kriechen wir nun zwar allen auf den Knien von der Poseidon, aber wir sind uns alle einig: Wir hatten ein unvergleichliches, phantastisches Erlebnis welches uns noch lange im Gedächtnis bleiben wird...

Und noch eines: Raimund kann stolz auf sich sein: "Perfect Skipper in four days!
 

ENDE